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Verträumtes Metroidvania: Ori and the Blind Forest im Test

10. März 2015 Keine Kommentare

Wie lässt sich der Unterschied zwischen einem sehr guten und einem außergewöhnlichen Game in Worte fassen? In meinem Test für T-Online Spiele versuche ich es anhand von Moon Studios Actionabenteuer „Ori and the Blind Forest“. Die Schöpfung eines Indieteams fühlt sich unterhaltsam und herausfordernd an und ist von hoher handwerklicher Güte – ganz so wie andere erstklassige Games. Nur lösen die nicht so herrliche Gefühle aus. Sensible Besitzer von PC und Xbox One könnten sogar weinen. Warum und wieso, das steht auf T-Online Spiele zu lesen – jedenfalls sobald wie die Kollegen den Test freischalten. Bis dahin darf ich folgende Auszüge aus meinem Originaltext empfehlen? Da wo drei Punkte zu sehen sind, habe ich übrigens Text geschnibbelt. Im Original steht da beispielsweise zu lesen, wie sich der Held weiter entwickelt; was die Steuerung kann; und was über Labyrinthe.

Um keinen falschen Eindruck zu wecken: „Ori and the Blind Forest“ funktioniert im Herzen ähnlich wie so manches 2D-Games mit Singleplayer-Kampagne. Wir sprechen hier über ein Jump´n´Run, das Actionelemente und eine Handvoll Puzzles unter seine Geschicklichkeitstests mischt. Dass sich das Ergebnis in eine Rahmenhandlung einnistet und das Ganze dadurch eine gefühlsbetonte Note sowie einen tieferen Sinn erhält: Auch das kennen wir spätestens seit dem Amiga-Game „Another World“.

Auch die Rahmenhandlung rund um das Schicksal des katzenähnlichen Helden Ori und seines Erwachsenwerdens in einem magischen Wald könnte man getrost als banal abtun, würde sie nicht auf so zauberhaft erzählt: Mit etwas etwas Gestik und Mimik, ein bisschen Bildtext und Fetzen einer abstrakten Fantasiesprache weckt das Spiel mehr Gefühle als all die aufwendigen Cutscenes in teuren Mega-Produktionen vom Kaliber „The Order 1886″ und Co. Die verträumte Klangatmosphäre und der weichgezeichnete Look tragen eine Geschichte von Leben und Tod, Freude und Trauer und liebevoller Verbundenheit zur Natur. Erinnerungen an den Leinwand-Hit „Avatar“ keimen.

Oris Reise führt ihn durch Wälder, Höhlen und Katakomben. Farben und Design der Grafik wechseln häufig. Musik und Soundeffekte unterstreichen die Stimmung. (Foto: Microsoft)

Oris Reise führt ihn durch Wälder, Höhlen und Katakomben. Farben und Design der Grafik wechseln häufig. Musik und Soundeffekte unterstreichen die Stimmung. (Foto: Microsoft)

Der erste Aha-Moment ist jener Augenblick, da man im Titelbild die A-Taste auf dem Controller antippt und das Abenteuer startet: Ohne auch nur den Hauch einer Ladepause, einer Unterbrechung oder sonstigen Auffälligkeit schwebt die Kamera aus dem Titelbild heraus. Sie trägt den Betrachter mit sich in den Wald und setzt einen nahtlos bei der ersten Lauf- und Springübung ab. Begleitet wird die Szene von einem etwas schwermütigen Klavier, das später – wo angebracht – schnellere Tempi anschlägt.

Diese ersten Minuten schüren Hoffnung: „Ori and the Blind Forest“ wirkt wie ein zurückhaltendes, elegantes und handwerklich meisterlich gemachtes Game. Der Eindruck bestätigt sich in den kommenden Stunden.

Soll sich nämlich bloß niemand von der melancholischen Stimmung und den paar Kamerafahrten täuschen lassen. Auf eindrucksvolle Art und Weise belegt „Ori and the Blind Forest“, dass die alte Metroidvania-Formel immer noch für spannungsreiche Herausforderungen gut ist.

Indem Ori sich mächtigere Sprünge aneignet, Wände und Stämme senkrecht zu erklettern lernt und effektivere Waffen einsetzt, erobert er Lichtungen, Korridore, Tunnels, Katakomben. Er öffnet Pforten, lernt Engstellen zu meistern, sprengt Grenzen und erreicht anfangs unerreichbares Areal. So funktioniert „Metroid“, so tickt „Castlevania“ und auf genau diese Weise motiviert „Ori and the Blind Forest“. Das Spiel hält einem ständig Verheißungen vor die Nase und spornt zur Suche nach Energiekugeln, Körpermodifikatoren, Schlüsselsteinen und Heilpillen an. Wer fündig wird, dem öffnet sich ein Tor nach dem anderen.

Erzählerische Momente sind nahtlos und unterbrechungsfrei mit dem Gameplay verbunden. Wenige Augenblicke nach diesem Moment  findet man sich im Actionabenteuer wieder. Alle Erzählszenen lassen sich auf Wunsch abbrechen. (Foto: Microsoft)

Erzählerische Momente sind nahtlos und unterbrechungsfrei mit dem Gameplay verbunden. Wenige Augenblicke nach diesem Moment findet man sich im Actionabenteuer wieder. Alle Erzählszenen lassen sich auf Wunsch abbrechen. (Foto: Microsoft)

 

„Ori and the Blind Forest“ reaktiviert Gamedesign-Regeln aus den 80er- und 90er-Jahren. Automatische Selbstheilung des Helden? Gesäuberte Areale bleiben gegnerfrei? Automatische Fortschritts-Sicherung? Moderne Games machen das so, aber „Ori and the Blind Forest“ zeigt diesen Moden den Stinkefinger. Ja, es gibt stationäre Rücksetzpunkte und man darf sogar eigene beschwören – aber das Spiel erwartet eben, dass man selbst speichert. Und man muss damit klarkommen, dass einen die Suche nach Items und Wegen wieder und wieder durch vertrautes Gebiet voller Gewürm und Rieseninsekten führt. Das zählt halt zu den Charakteristika des Genres. Das kann Nerven töten, vor allem wenn man sonst geradlinige Action bevorzugt.

Was wir mögen:

Die einfühlsame Eindeutschung der Bildtexte – es gibt keine echte Sprachausgabe, nur etwas Fantasiesprache á la Nintendo – rundet das hervorragende Spielerlebnis nach oben ab.

Was wir nicht mögen:

Die Schwierigkeitskurve schnellt nach einem entgegenkommenden Einstieg steil in die Höhe. Genreeinsteiger könnten daran scheitern.

Oris Reise führt ihn durch Wälder, Höhlen und Katakomben. Farben und Design der Grafik wechseln häufig. Musik und Soundeffekte unterstreichen die Stimmung. (Foto: Microsoft)

Oris Reise führt ihn durch Wälder, Höhlen und Katakomben. Farben und Design der Grafik wechseln häufig. Musik und Soundeffekte unterstreichen die Stimmung. (Foto: Microsoft)

Fazit:

Der außergewöhnliche Spielfluss, die verträumte Ästhetik und die märchenhafte Erzählweise führen in die Irre: Hinter dem handwerklich perfekt ausgeführten Äußeren verbirgt sich ein knallhartes Actionabenteuer im Metroid-Stil. Kenner werden „Ori and the Blind Forest“ als ernstzunehmende Herausforderung wahrnehmen: Geschicklichkeitstests und Actionszenen überwiegen bei weitem. Wegen des hohen Schwierigkeitsgrades empfehlen wir allerdings Durchhaltevermögen. Sonst verliert sich die Sogwirkung zwischen kritischen Jump´n´Run-Prüfungen und labyrinthischem Geländeaufbau.



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