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Game: Forza 5 – Play-to-pay oder die 140-Euro-Abzocke

14. November 2013 Keine Kommentare


Wer dieses Auto zu Beginn der Kampagne fahren will,
den bittet Forza 5 zur Kasse: 70 Euro extra.

Bis vor kurzem hielt Microsoft die Xbox-One-Konsole vor europäischen Journalisten versteckt. Anfang November lud die Pressestelle endlich zur Wohnzimmer-Tour. Was für ein großartiges Gefühl der Vorfreude. Am 12. November war es soweit: Ein paar Runden mit der Motorsport-Simulation Forza Motorsport 5 drehen – einem meiner zwei Kaufgründe für eine neue Konsole. Der andere heißt Resogun, ein  Defender-Game für Playstation 4. Resogun und Forza. Mehr braucht kein Mensch. 

Tatort München, Prinzregentenplatz Nummer 23, Priscohaus. Microsoft hat hier ein Stockwerk gemietet und ein paar Konsolen quer durch die Luxuswohnung verteilt. Ich betrete den Raum, wo vier ausschließlich mit Forza 5 bestückte Xbox-One-Systeme der Dinge harren, die ich mit ihnen anstellen würde. Endlich Vollgas. Leider nur eine knappe Minute lang. Dann fordert mich ein englischsprachiger Gentleman – warum nicht bayrisch, hier mitten in München? – auf, ich solle erst der Präsentation beiwohnen und dann an die Konsole herantreten. Entschlossene Haltung. Der meint das nicht als Angebot.

Hab die Positionskämpfe als zu einfach empfunden. Muss
den Schwierigkeitsgrad beim nächsten Mal
unbedingt raufregeln.


Och nö. Ich will mir keine Erklärungen aufdrängen lassen. Will einfach nur spielen. Ich lebe und atme Rennspiele seit Pole Position von 1982 und habe seit Project Gotham Racing vermutlich jedes Bleifuß-Game auf jeder Xbox-Konsole zumindest ausprobiert. Ich denke ich weiß wie die Forza-Reihe tickt. US-Guys und ihr verdammtes Kontrollstreben. Aber schön. Höre ich mir eben an, was Projektleiter Dan Greenawalt von Turn 10 zu erzählen hat. Sind eh nur ein paar Worte. Der Mann weiß weshalb wir hier sind und fasst sich kurz. Er umreißt seine Schöpfung in wenigen Minuten und mit kenntnisreichen Worten. Danke!

Danach darf ich Spaß am Gas haben. Direkt nach Start der Singleplayer-Kampagne lädt mich Forza 5 zu einer virtuellen Schnupperfahrt im McLaren-Supersportwagen P1 ein. Ich folge der Einladung und verliere mich in spannenden Positionskämpfen. Auf den McLaren-Kick im Einladungs-Rennen folgt unweigerlich Herausforderung Nummer Zwei und damit das Downgrade auf einen Audi RS3. Die Fahrzeugauswahl lässt mich zaudern. Mein Lieblingsauto – der Focus RS – scheint nicht im Portfolio vorhanden. Schade. Aber das Spiel fühlt sich trotzdem so toll an, wie ich es mir erhofft hatte. Großartige Fahrzeug-Kontrolle, vor allem nachdem ich die Standard-Fahrhilfen zum Teufel jage. Ich siege, teils ohne Lenk- und Bremshilfe, in den ersten fünf Rennen. Die sagenumwobene Cloud-KI ist offenbar nicht schlau genug für die Erkenntnis, dass sie jetzt mal angasen sollte. Ich nehme mir fest vor: Sobald ich die Xbox One und Forza 5 zuhause habe, Schwierigkeitsgrad hochregeln!

Forza 5 bringt das enorme Tempo solcher Supersportwagen ziemlich
gut rüber. Bildwiederholrate? 60 Frames. So wie es sein soll.

Nach rund 40 Minuten bremst ein in den Raum geworfener Satz die Freude am Fahren aus. „Sie müssen bald Schluss machen. Die nächste Gruppe wartet“. Der Andrang an Besuchern ist groß, jeder darf nur begrenzt lang spielen. Na schön, noch ein letztes Rennen. Ich will das einzige Formel-1-Auto im Feld ausprobieren: den Lotus E21, das aktuelle Kimi-Räikkönen-Modell. 

Zwecks Freischaltung des Lotus-F1 brauche ich eine Million Credits. Oder zehn Millionen? Egal. Utopisch jedenfalls nach so kurzer Zeit. Habe erst ein paar tausend Credits ersiegt. Aber war da nicht was zwischen den Rennen, war da nicht ein Trick – kann ich mir gesperrte Autos nicht doch irgendwie unter den Hintern klemmen? Ja, tatsächlich: Vor jedem Rennen fordert mich Forza 5 auf, ich möge die A-Taste drücken  – vielleicht war´s auch X, das weiß ich nicht mehr so genau. Jedenfalls, ich leiste der Aufforderung Folge und lande im Shopping-Bildschirm. 
Hier kann ich all die Credits kaufen, die mir nicht erspielen möchte oder kann. Gegen Geld. Bezahlung bequem per Kreditkarte. Als ich diese Möglichkeit erwäge und kurz kalkuliere, kann ich erst meinen Augen und dann meinem Verstand nicht trauen. Kann das sein? Fordert Forza 5 tatsächlich rund 70 Euro von mir, nur damit ich den Formel-1-Wagen starten darf? Okay, die Kampagne ist jung und das Creditloch groß. Dennoch: 70 Euro, wohlgemerkt bei einem Spiel, für das ich normalerweise bereits beim Kauf einen ebenso hohen Obulus leiste. Macht zusammen 140 Euro. Ich frage Dan Greenawalt, ob ich mich verguckt oder verrechnet habe. Er erwidert: „For the Formula-One-Car? Yes, that could be“. 

Sehr beeindruckend finde ich die enorme Weitsicht,
beispielsweise hier auf der Strecke „Mount Panorama Circuit“.

Obwohl mir Dan die Zahl bestätigt und ein weiterer Journalisten-Kollege vergleichbares von anderen Fahrzeugen – Classic-Formel-1 für ca. 30 Euro – berichtet, hoffe ich immer noch dass ich mich vertue. Vielleicht lief bei der Umrechnung von Dollar in Euro etwas schief – immerhin wurden Konsolen- und Spiel-Software nicht in endgültigen Versionen gezeigt, vielleicht werden die Zahlen noch angepasst. Anfrage an Microsofts Pressestelle läuft. (Update am 14. November 18:04 Uhr: Microsoft hat geantwortet. Die Angaben stimmen so auch für die Handelsfassung von Xbox One und Forza 5)

Aber was wenn Forza 5 doch derart schamlos auf Rendite gepolt ist? Wäre das nicht so als würde der Verkäufer an der Kinokasse fragen, ob ich sofort das Ende des Films sehen möchte, gegen zusätzliche Gebühr? Oder der Buchhändler, ob er mir die letzten zehn Seiten des Romans nach vorne umkleben soll, gegen Aufschlag? Der Dialog zwischen dem Buchhändler und mir könnte sich ungefähr so anhören – ich: „Ist die Dramaturgie des Ganzen so bedeutungslos, dass sie Teile des Geschehens bedenkenlos durchmischen können?“ Er: „Sind abgeschlossene Kurzgeschichten. Können sie in beliebiger Reihenfolge lesen!“ Darauf ich: „Ah. Das Buch ist also so strukturiert, dass ich die hintere Geschichte zuerst lesen kann. Trotzdem fordern sie extra Geld, wenn ich das tatsächlich tue. Finden sie das nicht irgendwie… merkwürdig?“ Die Antwort liegt auf der Hand.

Ich lasse mir später erklären, findige Erbsenzähler hätten sogar für dieses bösartige Geschäftsmodell eine verschleiernde Worthülse erfunden: Paymium. Play-to-pay wäre ehrlicher gewesen. 

Dieses Play-to-pay also werde ich meiden wie die Pest. Ach Mensch. Ausgerechnet du, Forza 5, musst deine Seele für Geld verkaufen. Hoffe, dass ich über den ersten Schockzustand hinweg komme und Forza 5 trotz allem ins Herz schließe. Vielleicht finde ich ja irgendwann im Optionen-Bildschirm einen Haken, mit dem ich Play-to-pay zur Hölle schicken kann. Danach würden wir bestimmt eine super Zeit haben, Forza 5 und ich. 

P.S.: Noch etwas Werbung in eigener Sache, man möge mir verzeihen: Lust auf kreatives Gameplay, das ebenfalls große Gefühle auslöst? Dann Anno Domini doch mal dein iPhone oder iPad. Code by me, Gamedesign by Frank Furtwängler, Publishing bei Ravensburger Digital. 



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