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Bioshock Infinite: Zähne zam und durch…

25. März 2013 Keine Kommentare


So ein komplettes Wochenende sturmfreie Bude, ganz allein zu Hause – das fühlt sich ab und zu gut an. Zumal wenn es draußen schneit und einem die Flocken als Vorwand für einen kompletten Tag vor der Daddelkiste gerade recht kommen. Da trifft es sich natürlich, wenn der Videospiel-Dealer ums Eck einige Tage vor der offiziellen Veröffentlichung genau das richtige Game für so ein Vorhaben reinbekommt. Ein Schöpfung, mit der ich mich vor der Fernseher eingraben und in eine fremde Welt abheben möchte: „Bioshock Infinite“. 

Habe dem dritten Teil aus der „Bioshock“-Reihe in den letzten Wochen entgegen gefiebert. Und hey, das passiert mir nicht mehr so oft. Die meisten Videospiel-Neuerscheinungen regen weder meine Fantasie an, noch treffen sie einen Nerv bei mir. „Bioshock“ schon. Ich liebe es, wie mich die Teil Eins und Zwei mit auf eine Reise in unbekannte Tiefen hinunter ziehen. Wundervoll, wie sich intelligent inszenierte Egoshooter-Action mit der stilvollen Eleganz von Kulissen im Stil der 1930er-Jahre unter Wasser paart. Die schockierendsten Erlebnisse erwarten uns Videospieler gewöhnlich in Umgebungen, die zunächst vertraut wirken. Doch mit jedem Schritt durch die Straßen, bei jeder Begegnung mit den Menschen schält sich eine ungewisse Bedrohung mehr und mehr heraus. Die real wirkende Abbildung wird verzerrt, solange bis sie fremd und verstörend wirkt. Ich liebe dieses Gefühl. 


Hoch oben im neuen Szenario von „Bioshock Infinite“, in der schwebenden Wolkenstadt Columbia, funktioniert dieses Prinzip aber leider nicht. Ich hätte gedacht, dass ich „Bioshock Infinite“ in die Konsole werfen und am Samstag, spätestens aber am Sonntag mehr oder weniger in einem Rutsch durchspielen würde. Zumal dies das erste „Bioshock“ ist, mit dem ich im Rahmen meiner journalistischen Arbeiten vor Veröffentlichung keinerlei Berührung hatte. Ich konnte also völlig unvoreingenommen an die Sache herangehen. Keine Gefahr, dass ich dem Wunsch nach Unterhaltung durch zu hoch gesteckte Erwartungen jede Chance auf Erfüllung nehmen würde. Allerdings war da auch keine Vorfreude auf gewisse Szenarien und Ereignisse. die in der Presse in den letzten Monaten sicher oft veranschaulicht wurden. Ich bin all dem aus dem Weg gegangen, wo es nur ging. Vielleicht war das ein Fehler.

 

Denn nun bin ich seit rund acht Stunden zu Gast in der Wolkenstadt Columbia. Und so manches mal muss ich echt die Zähne zusammen beißen, um nicht der Konsole den Saft abzudrehen. Mir ist das alles viel zu wild geraten. Eine Schießerei folgt auf die vorangegangene. Rudelweise Soldaten rennen mir entgegen. Ab und baut sich ein mechanischer Präsident Washington vor mir auf. Hin und wieder rennt mich ein Hühne mit „Iron Man“-Leuchtbatterie auf der Brust über den Haufen. Das lässt mich alles ziemlich kalt. Ja scheisse, und jetzt muss ich auch noch meinen früheren Verbündeten mit Projektilen aus Eisen, Feuerbällen und Krähenwolken die Lebenslichter ausblasen. Hatte ich irgendwann mal eine Wahl? Glaube nicht. „Bioshock Infinite“ verlangt mir kaum mehr ab als ballern, ballern, ballern. 

 
Ich wünschte, das Spiel würde sich mehr Zeit für seine Handlung nehmen. Aber die Glaubwürdigkeit des Szenario geht unter im Kugelhagel. Mir wird jetzt erst bewusst, wie viel all die kleinen Elemente aus den ersten beiden „Bioshock“ zum Gesamterlebnis beigetragen haben. Die Hacking-Minispiele haben Ruhe reingebracht, bildeten so etwas wie einen Ruhepol. Die arrogant tickenden Überwachungs-Kameras, meine Güte – vor denen habe ich mich mir manchmal in die Hosen gemacht. All diese Wechsel von Tempo und Herausforderung sind  diesmal perdu. Stattdessen werde ich von der Missions-Struktur unter fadenscheinigem Vorwand mehrmals durch ein- und dasselbe Gebiete gelotst, und schieße und schieße und schieße. Ich hasse Backtracking, wenn es so offensichtlich nur die Spieldauer verlängern soll. Es tut mir echt in der Seele weh: Aber auf mich macht das alles den Eindruck, dass den Entwicklern das Geld und / oder die Zeit ausgegangen ist und sie daher Ausstattungs-Merkmale streichen mussten. Soweit es mich betrifft, haben sie die Schere an den falschen Stellen angesetzt.  
 
Hätte mich nicht ein Journalisten-Kollege auf das Finale heiß gemacht – vielleicht wäre die „Infinite“-Disk schon aus der Konsole geflogen. Die Entwickler haben leider allzu vieles von der Vielschichtigkeit entfernt, die ich an der Reihe schätze. Ich vermisse auch die klaustrophobische Atmosphäre einer Unterwasser-Enklave. Als habe das Gewicht von vielen Millionen Tonnen Wasser die Stimmung verdichtet. Jetzt, wo  diese komprimierende Wirkung fehlt, fallen belanglose Gegner-KI, schwach ausgeprägte Bossgegner-Charactere und andere Seichtigkeiten  umso mehr auf. Stattdessen sehe ich lustig auf Wolkenbetten tanzende Häuser, wenn ich aus den Fenstern blicke. Ein interessanter Anblick, ja. Aber leider zieht „Bioshock Infinite“ den schrägen Ansatz nicht durch, sondern gibt sich allzu konventionell und geradlinig. Ein Egoshooter unter vielen, bisher jedenfalls. Acht Stunden sind erst rum. Vielleicht wird´s ja noch. Ich beiß die Zähne weiter zusammen.
 


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